Erzgeb. Gedichte und Geschichten

In dr Hutzenstub

Heit ist de Reih an mir. Ihr Leit,
kummt rei, ich will derzöhln.
Wall nu de Kinner schlofen sei,
do braucht´s kaa gruß Verhehln.

Ich red, wie mir is liebe Laabn
ne Schnobel wachsen ließ.
Kimmt´s ebber mol ze hahnebiegn,
do seid mer när net bies.

Mir Bauern, die üms liebe Brut
sich plogn gahraus, gahrei,
mir könne net su zimperlich
als wie de Stadtleit sei.

Mir sei aus ganzen Holz geschnitzt,
mir reden darb un racht,
un reden vun dr Laaber wag
bezacht un unbezacht.

Waar dodermiet zerfrieden is,
Glückauf, daar is mei Ma,
in dan stackt Witz,
in dan stackt Kraft,
daar is kaa Hubelspa

Überliefert, Arnsfeld

  Bauernregeln

Ze Sankt Gall (16.10.)
blebbt de Kuh in Stall.

Is Martini (11.11.)Sunneschei,
kimmt e kalter Winter rei.

Gieht de Gans ze Martini of´n Schnee,
gieht se ze Weihnachten of´n Drack.

Spöter Dunner hot die Kraft,
doß´r viel Getraad raschafft.

Andreasschnee (30.11.) tut ne Korn un
Waazen weh.

Kam de Kält dr erschten Adventwoch,
is aah kalt in Febrar noch.

Dezember kalt un Schnee,
brengt´s Korn in dr Höh.

Grüne Weihnachten, weiße Ustern.

E schiener Ganuar brengt e gutes Gahr.

Wenn in Febrar de Mücken schwärme;
muß mer ne März ne Ufen wärme.

Überliefert, mittl. u. westl. Erzgeb.

     
Harbstnaabel

Du Naabel, du Naabel
zieh übersch Graabel,
zieh übersch Gluckenhaus,
dort gucken drei schiene Ducken raus.
Die aane spinnt de klare Seid,
de annre spinnt de grube Seid,
de dritte spinnt de Schnur bis in Himmel nauf.

Überliefert

  Kantus

Fritz, bleib do, mer waß noch net,
wie´s Watter werd,
Fritz, bleib do, mer waß noch net;
wie´s werd.
´s könnt regne, ´s könnt schneie,
´s könnt oder aah schie Watter warn.
Fritz, bleib do, mer waß noch net, wies werd!

Überliefert, westl. Erzgeb.

     
Weihnachtsdrahsch

Su e Gerammel dohierde in dan Loden. Mer denkt, de Leit wölln ne Lodentisch samt dr Lodenfraa übern Haufen stülpern. Wos do fünf Menuten vür Lodenschluß de Leit alles noch kaafen. Es werd aabn erscht Ruh, wenn de letzten Pfeng aus dr Tasch naus sei. Do kimmt noch äner gesterzt mit´r Tasch unnern Arm. Dan gieht´s gewieß wie mir, daar denkt aah erscht in dr letzten Menut dra, doß´r fer seenen Fraa noch wos kaafen muß. Itze gieht noch emol dr Spuk lus. Ene Fraa macht e gruß Theater, weil de bittre Schokelade olle is. Se mänt, "dan Vollmilichschmand assen meine Leit net."
Nu bi iech dra. E Schachtel Prallenee will ich hobn. "Mir hobn obr när noch die grußen...", mänt dos Frailein. Macht nischt! Die namm ich. Heit is mir kaa Brotworscht ze teier.
Su, nu gieht´s ober ehem. Mm! Dos riecht gut! De Gans braakelt schu in dr Rähr. Mich brengt dr Gaamel ball üm, ich muß erscht emol dervu kosten. E Weihnachten uhne Gänsbroten un griene Kließ is doch kaa Weihnachten. On mit´n Sechseleiten kimmts Assen of´n Tisch: Gänsebroten, griene Klies, Sauerkraut, Rutkraut, Sellerie, eigemachte Schwarzbeer, e Flaschel guten Wein, Brut un Salz.
Nooch´n Assen tut de Fraa gleich noch aufwaschen. Un nochert werd beschert. Mei Fraa maant: "Mer legn die ganze Frasserei gar net haar. De Kinner verdarbn sich bluß ne Mogn, un es gieht suwiesu net olles of´n Tisch." De Lichtle of dr Peremett wurn nu agezündt.
E jedes frät sich über dos, wos´s gekricht hot. Un endlich werd nooch dan ganzen Drahsch, dan mer vür de Feiertog hatten, wieder Ruh. Is Maadel spielt mit dr neien Puppenstub. Mei gute Fraa sitzt in Laahnstuhl un schläft. Se hot sich vür de Feiertog ze sehr ohegeplocht. Iech liech of´n Kannepee, raach ne gute Zigarr un saah nüber of dan Tisch, wu de ganze Asserei liecht. Es werd wuhl esu waarn, wie´s in Heilig-Obnd-Lied häßt: " Un wenn mer dos zamm gassen hobn, do sei mer alle krank." Wenn dos bei annern Leiten aah esu is, do hobn se nooch de Feiertog in dr Poliklinik ganz schie ze tue. Es werd e mannichn esu gieh wie dr alten Hempeln. Die hot aah über die Feiertog su viel Gänsbroten on Stolln gegassen, doß or ne zweeten Feiertog de Laaber geschwolln war. Es war´r esu schlacht, doß ihre Leit ne Dokter huhln mußten. Daar hot de Hempeln richtig unnersucht, hot´r of´n Bauch rümgekloppt, mit´n Kopp geschüttelt un gesogt: "Frau Hempel, Sie gefallen mir aber gar nicht!" Do hatt´r ober die alte Fraa agebrannt. Se sogt ne gerodwag nei ins Gesicht: "Nu, Herr Doktor, bilden Sie sich ebber net ei, doß Sie dr Schennste sei!"
Of aamol klingelt´s dra dr Vürsaaltür. De Nachbarschleit kumme e wing ze rucken. ´s werd se de Neigier rübergetriebn hobn. Se waarn wissen wolln, wos bei uns olles gaabn hot un wie dr Stolln schmeckt.
Un esu, wie´s bei uns derhamm is, su werd´s aah bei eich sei. On do gibt´s noch Leit, die reden vun schlachte Zeiten.

Horst Gläß

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